
Die bloße Installation von Krötenzäunen und Grünbrücken reicht nicht aus, um das Artensterben auf Deutschlands Straßen wirksam zu stoppen.
- Viele gut gemeinte Schutzmaßnahmen scheitern in der Praxis an unzureichender Planung, Vandalismus oder dem schieren Ausmaß des Problems.
- Die Fragmentierung von Lebensräumen führt zu genetischer Verarmung und dem schleichenden Aussterben von Populationen, selbst wenn keine direkten Unfälle passieren.
Recommandation: Wir müssen von isolierten, reaktiven Einzelprojekten zu einem integrierten, datengestützten Management von Wildtierkorridoren übergehen, das ökonomische und ökologische Faktoren gleichermaßen bewertet.
Das Bild ist leider alltäglich: ein überfahrener Igel, ein toter Fuchs am Straßenrand. Diese stillen Tragödien sind die sichtbarsten Symptome eines viel größeren, systemischen Problems: der Zerschneidung unserer Landschaft durch ein immer dichteres Verkehrsnetz. Jedes Jahr sterben allein in Deutschland hunderttausende Wildtiere bei Kollisionen. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, werden landauf, landab Krötenzäune errichtet, Warnschilder aufgestellt und im besten Fall sogar Tunnel oder Brücken gebaut. Man verlässt sich auf altbekannte Ratschläge und hofft, das Problem damit in den Griff zu bekommen.
Doch was, wenn diese gut gemeinten Maßnahmen nur die Symptome bekämpfen und das eigentliche Systemversagen dahinter verdecken? Was, wenn ein Krötenzaun eine Scheinsicherheit vermittelt, während die Population trotzdem kollabiert? Die Realität der Straßenökologie ist komplexer als einfache Appelle an Autofahrer oder isolierte Bauprojekte. Es ist ein Konfliktfeld, auf dem gute Absichten auf harte ökonomische Realitäten, menschliches Verhalten und die unerbittliche Logik der Populationsgenetik treffen. Der wahre Hebel liegt nicht darin, immer mehr Zäune zu bauen, sondern darin, die ökologische Durchlässigkeit unseres gesamten Verkehrssystems fundamental neu zu denken.
Dieser Artikel taucht tief in die Materie ein, um die kritischen Fragen zu beantworten. Wir analysieren, warum manche Lösungen funktionieren und andere nicht, beleuchten die wirtschaftlichen Dimensionen von Wildunfällen und Grünbrücken und zeigen auf, wie Bürger, Planer und Naturschützer an einem Strang ziehen müssen, um unsere Straßen für Mensch und Tier sicherer zu machen.
Um die vielschichtigen Aspekte dieses Themas zu beleuchten, gliedert sich dieser Beitrag in mehrere Schlüsselbereiche. Die folgende Übersicht führt Sie durch die zentralen Fragestellungen, von der Effektivität kleiner Schutzmaßnahmen bis hin zur Rentabilität millionenschwerer Infrastrukturprojekte.
Sommaire : Die komplexen Realitäten der Straßenökologie in Deutschland
- Funktionieren die Leitsysteme wirklich oder laufen die Kröten daran vorbei?
- Bremsen oder draufhalten: Wie reagieren Sie bei einem Reh auf der Straße richtig (Versicherungsschutz)?
- Warum sterben isolierte Populationen aus, auch wenn der Lebensraum intakt scheint?
- Wie argumentieren Bürgerinitiativen gegen neue Umgehungsstraßen mit dem Fragmentierungs-Argument?
- Wie finden Drohnen Rehkitze vor der Mahd an Straßenrändern?
- Warum sterben Frösche in 90% der Baumarkt-Fertigteiche?
- Wann darf ein „Problemwolf“ geschossen werden und wer entscheidet das?
- Lohnt sich eine 5-Millionen-Euro-Brücke für Hirsche über die Autobahn?
Funktionieren die Leitsysteme wirklich oder laufen die Kröten daran vorbei?
Krötenzäune und Amphibientunnel sind das wohl bekannteste Symbol für den aktiven Schutz wandernder Arten an Straßen. Das Prinzip ist einfach: Mobile Zäune aus Plastikplanen werden im Frühjahr entlang kritischer Straßenabschnitte aufgestellt. Sie leiten wandernde Frösche, Kröten und Molche zu eingegrabenen Fangeimern. Freiwillige Helfer tragen diese Eimer dann mehrmals täglich über die Straße und entleeren sie auf der anderen Seite. Doch die Wirksamkeit dieser Methode ist trügerisch und hängt von zahlreichen Faktoren ab.
Erstens erzeugen sie eine Scheinsicherheit. Während die geretteten Tiere gezählt und als Erfolg verbucht werden, kann die Gesamtpopulation dennoch schrumpfen. Wetterbedingungen wie eine plötzliche Trockenperiode können die Wanderung abrupt stoppen und zu hohen Verlusten führen, bevor die Tiere überhaupt die Straße erreichen. So wurden beispielsweise 2024 am Eiswoog in der Pfalz zwar 2.900 Amphibien gerettet, was aber einem Rückgang von 25 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Dies zeigt, dass der Schutzzaun allein kein Garant für den Erhalt der Population ist.

Zweitens kommt der menschliche Faktor ins Spiel – und das nicht nur positiv. Die ehrenamtliche Arbeit ist personalintensiv und aufwändig. Noch schlimmer ist jedoch, wenn die Schutzmaßnahmen selbst zum Ziel werden. Im selben Gebiet am Eiswoog wurde ein Schutzzaun 2024 mutwillig zerstört, was den vorzeitigen Abbau der gesamten Anlage erzwang. Solcher Vandalismus macht monatelange Planung und unzählige Stunden ehrenamtlicher Arbeit zunichte und stellt eine direkte Gefahr für die überlebende Population dar. Ein Leitsystem funktioniert also nur, wenn das Umfeld – Wetter, Helfer und gesellschaftliche Akzeptanz – ebenfalls mitspielt.
Bremsen oder draufhalten: Wie reagieren Sie bei einem Reh auf der Straße richtig (Versicherungsschutz)?
Die Konfrontation mit einem plötzlich auftauchenden Wildtier ist für jeden Autofahrer eine Schocksituation. Die instinktive Reaktion – eine Vollbremsung oder ein abruptes Ausweichmanöver – kann jedoch gefährlicher sein als die Kollision selbst. Jedes Jahr ereignen sich in Deutschland Wildunfälle, die nicht nur Tierleben fordern, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Analytisch betrachtet, ist die Frage nach der richtigen Reaktion eine Abwägung von Risiken, bei der auch versicherungstechnische Aspekte eine Rolle spielen.
Verkehrsökologen und Sicherheits-Experten sind sich einig: Bei Kleinwild wie Hasen oder Füchsen sollte man auf keinen Fall ausweichen oder eine Vollbremsung riskieren, wenn andere Verkehrsteilnehmer gefährdet werden könnten. Das Lenkrad sollte festgehalten und die Spur beibehalten werden. Bei größeren Tieren wie Rehen oder Wildschweinen ist die Situation komplizierter. Eine kontrollierte Vollbremsung ist hier die erste Wahl, sofern der nachfolgende Verkehr es zulässt. Ein Ausweichmanöver sollte unbedingt vermieden werden, da die Gefahr, die Kontrolle über das Fahrzeug zu verlieren und gegen einen Baum oder in den Gegenverkehr zu prallen, unkalkulierbar hoch ist.
Kommt es trotz aller Vorsicht zur Kollision, ist das richtige Verhalten entscheidend für den Versicherungsschutz. Unmittelbar nach dem Sichern der Unfallstelle (Warnblinkanlage, Warndreieck) muss die Polizei oder der zuständige Jagdpächter informiert werden. Nur diese stellen eine sogenannte Wildunfallbescheinigung aus. Dieses Dokument ist unerlässlich, um den Schaden bei der Teil- oder Vollkaskoversicherung geltend zu machen. Ohne diesen offiziellen Nachweis kann die Versicherung die Regulierung des Schadens verweigern. Das Problem hat eine gewaltige Dimension: In Deutschland sterben jährlich rund 250.000 Wildtiere bei Kollisionen, die Schäden von über 500 Millionen Euro verursachen.
Warum sterben isolierte Populationen aus, auch wenn der Lebensraum intakt scheint?
Eine Straße ist mehr als nur eine physische Barriere, die Tiere beim Überqueren töten kann. Sie ist eine unüberwindbare Grenze, die einst zusammenhängende Lebensräume in isolierte Inseln zerschneidet. Dieses als Lebensraumfragmentierung bekannte Phänomen ist eine der größten, wenn auch unsichtbarsten, Bedrohungen für die biologische Vielfalt. Eine Population von Hirschen, Wildkatzen oder sogar Amphibien kann auf einer solchen Insel überleben, auch wenn der Lebensraum an sich perfekt scheint. Doch langfristig ist sie dem Tode geweiht.
Der Grund dafür liegt in der Genetik. In einer kleinen, isolierten Population paaren sich die Tiere zwangsläufig immer wieder untereinander. Dieser Mangel an genetischem Austausch von außen führt zu Inzucht und einer dramatischen Verarmung des Genpools. Die Nachkommen werden anfälliger für Krankheiten, die Anpassungsfähigkeit an Umweltveränderungen (wie den Klimawandel) sinkt und die Fortpflanzungsrate geht zurück. Es ist ein schleichender Tod, der sich über Generationen hinzieht und oft erst bemerkt wird, wenn es zu spät ist. Selbst wenn kein einziges Tier mehr überfahren wird, stirbt die Population von innen heraus aus.
Die deutsche Politik hat dieses Problem erkannt. In der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ formulierte die Bundesregierung das ambitionierte Ziel: „Bis 2020 gehen von den bestehenden Verkehrswegen in der Regel keine erheblichen Beeinträchtigungen des Biotopverbundsystems mehr aus.“ Die Realität sieht leider anders aus. Zwar wurden Maßnahmen wie Grünbrücken entwickelt, um diese Isolation zu durchbrechen. Doch die Umsetzung ist lückenhaft. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz und des BUND existieren in Deutschland derzeit 107 Grünbrücken, während es rund 30.000 identifizierte Konfliktstellen im Verkehrsnetz gibt. Dieses Missverhältnis offenbart ein massives Systemversagen: Wir kennen die Lösung, setzen sie aber bei weitem nicht im erforderlichen Maßstab um.
Wie argumentieren Bürgerinitiativen gegen neue Umgehungsstraßen mit dem Fragmentierungs-Argument?
Wenn eine neue Umgehungs- oder Schnellstraße geplant wird, formiert sich oft lokaler Widerstand. Während Befürworter mit Zeitersparnis und wirtschaftlicher Entwicklung werben, bringen Gegner ein gewichtiges Argument ins Spiel, das weit über Lärmschutz hinausgeht: die Lebensraumzerschneidung. Bürgerinitiativen haben gelernt, dieses ökologische Fachargument schlagkräftig einzusetzen, um Planungen zu hinterfragen oder zu stoppen. Ihre Argumentation stützt sich dabei auf wissenschaftliche Erkenntnisse und sichtbare Veränderungen in der Landschaft.
Der Kern des Arguments ist, dass eine neue Straße nicht nur eine Linie auf der Karte ist, sondern eine unüberwindbare Barriere für unzählige Arten schafft. Die Initiativen weisen darauf hin, dass die Trasse wichtige Wildtierkorridore durchschneiden würde – also die Wanderwege, die Tiere seit Generationen zwischen Nahrungs-, Ruhe- und Fortpflanzungsgebieten nutzen. Sie malen das Bild von isolierten Tierpopulationen, die auf beiden Seiten der Straße gefangen sind und langfristig durch Inzucht und mangelnden genetischen Austausch zum Aussterben verurteilt sind. Dieses Szenario wird oft mit konkreten Daten zur lokalen Fauna untermauert.

Zudem nutzen sie historische Daten, um die Dramatik der Entwicklung zu verdeutlichen. Sie zeigen auf, wie die „unzerschnittene Landschaft“ in den letzten Jahrzehnten bereits dramatisch geschrumpft ist. Laut BUND Naturschutz Bayern zum Beispiel hat sich der Anteil großflächig unzerschnittener verkehrsarmer Räume über 100 km² in Bayern zwischen 1975 und 2000 von 39% auf 21% fast halbiert. Eine neue Straße, so das Argument, würde diesen Trend weiter verschärfen und unwiederbringlich letzte intakte Naturräume zerstören. Indem sie das abstrakte Konzept der Fragmentierung mit lokalen Beispielen und emotionalen Bildern von „Heimatverlust“ verbinden, schaffen es Bürgerinitiativen, den ökologischen Schaden für eine breite Öffentlichkeit greifbar zu machen.
Wie finden Drohnen Rehkitze vor der Mahd an Straßenrändern?
Eine besondere Form der Todesfalle für Wildtiere entsteht nicht direkt durch den Verkehr, sondern in dessen unmittelbarer Nähe: bei der Mahd von Wiesen und Böschungen entlang der Straßen. Im Frühling legen Rehmütter ihre Kitze im hohen Gras ab, wo diese sich instinktiv bei Gefahr flach auf den Boden drücken, anstatt zu fliehen. Für die Fahrer von Mähfahrzeugen sind sie unsichtbar – mit fatalen Folgen. Um dieses jährliche Drama zu verhindern, hat sich in den letzten Jahren eine hocheffektive Methode etabliert: die Rehkitzrettung mittels Drohnentechnologie.
Das Prinzip ist eine brillante Kombination aus moderner Technik und ehrenamtlichem Engagement. In den frühen Morgenstunden, wenn die Umgebungstemperatur noch niedrig ist, starten speziell ausgebildete Drohnenpiloten ihre Fluggeräte. Diese Drohnen sind mit hochempfindlichen Wärmebildkameras ausgestattet. Während die Drohne in einer Höhe von etwa 50 bis 80 Metern systematisch die zu mähende Fläche abfliegt, überträgt sie das Wärmebild live auf einen Monitor am Boden. Der Körper eines Rehkitzes ist deutlich wärmer als der kühle Morgenboden und leuchtet auf dem Bildschirm als heller, verräterischer Punkt auf.
Sobald ein solcher Wärmepunkt geortet wird, dirigiert der Pilot ein Team von Helfern am Boden per Funkgerät zur exakten Stelle. Die Helfer, meist lokale Jäger oder Mitglieder von Tierschutzvereinen, nähern sich vorsichtig der Stelle. Um zu vermeiden, dass menschlicher Geruch auf das Kitz übertragen wird (was dazu führen könnte, dass die Ricke es verstößt), heben sie das Tier mit großen Grasbüscheln oder in speziellen Kisten aus der Gefahrenzone. Sie setzen es an einem sicheren Ort am Wald- oder Wiesenrand ab. Nach der Mahd kann die Mutter ihr Kitz unversehrt wiederfinden. Diese Methode hat sich als äußerst effizient erwiesen und rettet jedes Jahr tausende von Rehkitzen vor einem grausamen Mähtod.
Warum sterben Frösche in 90% der Baumarkt-Fertigteiche?
Der Wunsch, der Natur im eigenen Garten einen Platz zu geben, ist weit verbreitet. Ein Gartenteich scheint die perfekte Lösung, um Insekten, Vögeln und vor allem Amphibien einen Lebensraum zu bieten. Doch die Realität sieht oft anders aus. Viele gut gemeinte Projekte, insbesondere solche mit vorgefertigten Teichschalen aus dem Baumarkt, verwandeln sich ungewollt in tödliche Fallen. Die Gründe dafür sind struktureller Natur und ignorieren die spezifischen Bedürfnisse von Frosch, Kröte und Molch. Das Problem ist gravierend, denn in Deutschland stehen bereits rund 50% der 21 heimischen Amphibienarten auf der Roten Liste gefährdeter Arten.
Das Hauptproblem von Fertigteichen sind ihre steilen, glatten Ufer. Ein Frosch, der zur Eiablage in den Teich gelangt, findet oft keinen Weg mehr hinaus. Die glatten Wände bieten keinen Halt, und das Tier schwimmt bis zur völligen Erschöpfung im Kreis und ertrinkt schließlich. Auch für die geschlüpften Kaulquappen, die sich zu kleinen Fröschen entwickeln, wird der Teich zur Todesfalle, wenn sie nicht an flachen Stellen langsam an Land gehen können. Ein weiteres häufiges Problem ist der falsche Besatz. Goldfische oder andere Zierfische sehen zwar schön aus, sind aber gefräßige Räuber. Sie fressen den Laich und die Kaulquappen und verhindern so jeglichen Fortpflanzungserfolg der Amphibien.
Hinzu kommen oft eine unzureichende Tiefe, die ein Durchfrieren im Winter und damit den Tod überwinternder Tiere bedeutet, sowie die Verwendung von Chemikalien zur Algenbekämpfung. Ein funktionierender, amphibienfreundlicher Teich ist ein komplexes Ökosystem, das sich nicht mit einer simplen Plastikschale nachbilden lässt. Er benötigt flache Uferzonen, eine Sumpfzone mit heimischen Pflanzen und eine tiefere Zone für die Überwinterung – und er muss frei von Fischen und Chemie sein.
Aktionsplan: Ihr Garten als Rettungsinsel für Amphibien
- Flache Ausstiegszonen schaffen: Legen Sie mindestens eine Uferseite mit einem sanften Gefälle von maximal 1:3 an, damit Tiere den Teich problemlos verlassen können.
- Auf Fischbesatz verzichten: Fische sind die größten Feinde von Amphibienlaich und Kaulquappen. Ein amphibienfreundlicher Teich ist fischfrei.
- Heimische Wasserpflanzen verwenden: Setzen Sie auf Pflanzen wie Froschlöffel oder Tannenwedel, die den Tieren Deckung und Eiablageplätze bieten. Exotische Arten sind oft ungeeignet.
- Mindesttiefe für Überwinterung gewährleisten: Ein Bereich des Teiches sollte mindestens 80 cm tief sein, damit er nicht komplett durchfriert und überwinternden Tieren Schutz bietet.
- Keine Chemie einsetzen: Verzichten Sie strikt auf Algenvernichter oder andere Chemikalien. Ein biologisches Gleichgewicht stellt sich mit der Zeit von selbst ein.
Das Wichtigste in Kürze
- Isolierte Schutzmaßnahmen wie Krötenzäune sind wichtig, aber allein unzureichend und scheitern oft an äußeren Faktoren wie Vandalismus oder Wetter.
- Die wirtschaftlichen Schäden durch Wildunfälle sind enorm; die Investition in präventive Infrastruktur ist daher auch eine ökonomische Notwendigkeit.
- Die Zerschneidung von Lebensräumen ist eine unsichtbare, aber tödliche Gefahr, die Populationen durch genetische Verarmung langfristig auslöscht.
Wann darf ein „Problemwolf“ geschossen werden und wer entscheidet das?
Die Rückkehr des Wolfs nach Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte für den Artenschutz, stellt die Gesellschaft aber auch vor neue Herausforderungen. Wenn ein Wolf wiederholt Nutztiere reißt, obwohl zumutbare Schutzmaßnahmen (z. B. spezielle Zäune) ergriffen wurden, oder wenn er die natürliche Scheu vor dem Menschen verliert, wird er als sogenannter „Problemwolf“ oder „schadensstiftender Wolf“ klassifiziert. Die Frage seiner Tötung, rechtlich als „Entnahme“ bezeichnet, ist streng geregelt und emotional hoch aufgeladen.
Die Entscheidung über eine Entnahme ist kein Schnellschuss. Der Wolf ist in Deutschland und der EU eine streng geschützte Art. Seine Tötung ist grundsätzlich verboten. Eine Ausnahme kann nur unter engen Voraussetzungen nach dem Bundesnaturschutzgesetz (§ 45) genehmigt werden. Dafür muss nachgewiesen sein, dass von einem bestimmten, identifizierbaren Wolf eine ernste Gefahr für die öffentliche Sicherheit ausgeht oder „ernste landwirtschaftliche Schäden“ drohen. Zudem müssen alle anderen zumutbaren Alternativen – wie Vergrämungsmaßnahmen oder besserer Herdenschutz – ausgeschöpft sein. Die finale Entscheidung treffen nicht Jäger oder Schäfer, sondern die zuständige obere Naturschutzbehörde des jeweiligen Bundeslandes. Das Verfahren ist komplex und erfordert oft eine DNA-Analyse, um den verantwortlichen Wolf zweifelsfrei zu identifizieren.

Der analytische Blick zeigt jedoch, dass die Fokussierung auf die Entnahme einzelner Tiere oft zu kurz greift. Sie ist eine reaktive Maßnahme, die das grundlegende Konfliktpotenzial nicht löst. Ein proaktiverer und nachhaltigerer Ansatz liegt in der Prävention von Konflikten. Dazu gehört nicht nur der Herdenschutz, sondern auch die Sicherung und der Ausbau von großräumigen Wildtierkorridoren. Wie die Grünbrücke über die A1 bei Wittlich, die seit 2008 wichtige Waldgebiete verbindet und deren Nutzung durch scheue Arten wie die Wildkatze mittels moderner Videoüberwachung dokumentiert wird, zeigen solche Projekte, dass die Aufrechterhaltung der ökologischen Durchlässigkeit der Landschaft Konflikte minimiert, indem sie den Tieren ausreichend Raum und Ausweichmöglichkeiten gibt. Anstatt über einzelne „Problemtiere“ zu streiten, liegt die eigentliche Lösung in der Schaffung einer „problemfreien“ Landschaftsstruktur.
Lohnt sich eine 5-Millionen-Euro-Brücke für Hirsche über die Autobahn?
Die Frage scheint provokant. Fünf Millionen Euro für eine Brücke, die nur von Tieren genutzt wird, während an anderer Stelle Geld für Schulen oder Krankenhäuser fehlt? Diese Kosten-Nutzen-Dissonanz ist oft das Hauptargument gegen den Bau von Grünbrücken. Eine rein analytische Betrachtung, die sowohl die direkten Kosten als auch die vermiedenen Folgekosten und den unbezifferbaren ökologischen Nutzen einbezieht, zeichnet jedoch ein deutlich anderes Bild. Die Investition in solche Infrastruktur ist oft nicht nur ökologisch notwendig, sondern auch ökonomisch sinnvoll.
Auf der Kostenseite stehen die reinen Baukosten, die je nach Spannweite und Komplexität zwischen 2,5 und 5 Millionen Euro liegen, sowie jährliche Wartungskosten. Dem gegenüber steht ein gewaltiger volkswirtschaftlicher Nutzen durch die Vermeidung von Wildunfällen. Wie bereits erwähnt, belaufen sich die jährlichen Sachschäden in Deutschland auf über 500 Millionen Euro. Hinzu kommen die unschätzbaren Kosten für menschliches Leid, wenn bei diesen Unfällen Menschen verletzt oder getötet werden. Jede Kollision mit Großwild, die durch eine Grünbrücke verhindert wird, spart bares Geld und schützt Menschenleben.
Wie eine vergleichende Analyse der Kosten und Nutzen zeigt, ist der Wert der Biodiversität der am schwersten zu beziffernde Faktor.
| Kostenfaktor | Einmalige Kosten | Jährliche Kosten/Nutzen |
|---|---|---|
| Baukosten Grünbrücke | 2,5-5 Mio. Euro | Wartung: 10.000-20.000 Euro |
| Vermiedene Wildunfälle | – | 500+ Mio. Euro Schäden deutschlandweit |
| Personenschäden | – | ca. 3.000 Verletzte jährlich |
| Biodiversität | – | Unbezifferbar – Genpool-Erhaltung |
Der entscheidende, aber oft vergessene Nutzen ist der Erhalt der genetischen Vielfalt. Eine Grünbrücke ist die einzige Möglichkeit, den Genfluss zwischen getrennten Populationen aufrechtzuerhalten und sie so vor dem Aussterben durch Inzucht zu bewahren. Dass diese Brücken funktionieren, wenn sie richtig platziert sind, ist gut dokumentiert. So zitierten Forscher im Rahmen einer Studie zur Grünbrücke über die Autobahn Karlovac-Rijeka in Kroatien, dass „innerhalb eines Jahres rund 6.000 Tiere diese Brücke passierten, darunter Bären, Wölfe und Luchse“. Eine 5-Millionen-Euro-Brücke ist also keine Ausgabe für ein paar Hirsche, sondern eine Investition in die Sicherheit des Verkehrs, die Stabilität von Ökosystemen und die Zukunft der Artenvielfalt.
Bewerten Sie Verkehrsprojekte in Ihrer Region daher nicht nur nach ihren Baukosten, sondern hinterfragen Sie stets ihren Beitrag zur ökologischen Durchlässigkeit des gesamten Netzwerks. Nur ein ganzheitlicher Ansatz kann unsere Straßen von Todesfallen in sichere Korridore für Mensch und Tier verwandeln.