Veröffentlicht am Mai 10, 2024

Die Bio-Zertifizierung ist kein reiner Verwaltungsakt, sondern eine strategische Weichenstellung, die über Erfolg oder Scheitern Ihres Lebensmittel-Startups entscheiden kann.

  • Die Vermeidung von Haftungsfallen und die präzise Kostenkontrolle sind für kleine Betriebe überlebenswichtig.
  • Die Wahl des Siegels (EU-Bio, Bioland, Demeter) ist eine Marketingentscheidung mit direkten Auswirkungen auf Zielgruppe und Preisgestaltung.

Empfehlung: Führen Sie eine rigorose Risiko- und Haftungsanalyse durch, bevor Sie den ersten Antrag bei einer Kontrollstelle einreichen. Betrachten Sie die Zertifizierung von Tag eins an als integralen Bestandteil Ihrer Geschäftsstrategie.

Der Traum vieler Food-Gründer beginnt oft mit einem perfekten Produkt: die Marmelade nach Großmutters Rezept, ein innovativer Pflanzendrink oder ein handwerklich hergestelltes Pesto. Der nächste logische Schritt scheint der Griff nach dem prestigeträchtigen Bio-Siegel zu sein, um Qualität und Nachhaltigkeit zu signalisieren. Doch hier beginnt für viele der Weg durch einen scheinbar undurchdringlichen Dschungel aus Vorschriften, Kontrollen und unerwarteten Kosten. Die gängigen Ratschläge beschränken sich oft auf das Offensichtliche: Formulare ausfüllen, Regeln befolgen, Gebühren zahlen.

Diese Sichtweise ist jedoch nicht nur unvollständig, sie ist gefährlich. Sie reduziert einen zutiefst strategischen Prozess auf eine administrative Hürde. Was wäre, wenn der Schlüssel zum Erfolg nicht darin liegt, die Regeln nur abzuhaken, sondern sie als Werkzeug zur Risikominimierung und zur strategischen Positionierung zu begreifen? Die wahre Herausforderung liegt nicht in der Bürokratie selbst, sondern in den übersehenen Haftungsfallen, den unkalkulierten Folgekosten und den strategischen Fehlentscheidungen bei der Wahl des passenden Siegels.

Dieser Leitfaden verlässt bewusst die ausgetretenen Pfade. Als Ihr strategischer Berater führe ich Sie durch die kritischen Entscheidungspunkte, die den Unterschied zwischen einem zertifizierten Erfolg und einem teuren Missverständnis ausmachen. Wir analysieren nicht nur, was das Siegel kostet, sondern was es Ihnen strategisch bringen muss. Wir prüfen nicht nur, wie Sie eine Kontrolle bestehen, sondern wie Sie ein robustes System aufbauen, das Ihr Unternehmen dauerhaft schützt. Dieser Artikel ist Ihre Roadmap zur souveränen Navigation durch die Komplexität der Bio-Zertifizierung.

Um Ihnen eine klare Struktur für diesen komplexen Prozess zu bieten, gliedert sich dieser Artikel in präzise, praxisorientierte Abschnitte. Der folgende Überblick dient Ihnen als Kompass auf dem Weg zu Ihrer erfolgreichen Bio-Zertifizierung.

Was kostet das Bio-Siegel wirklich für einen kleinen Betrieb mit 5 Produkten?

Die Kosten der Bio-Zertifizierung sind für Startups eine der größten Hürden. Es geht dabei um weit mehr als eine reine Antragsgebühr. Eine präzise Kalkulation muss die Erstzertifizierung, die jährlichen Kontrollen sowie indirekte Kosten für Prozessanpassungen umfassen. Für einen Kleinbetrieb mit einem überschaubaren Sortiment von fünf Produkten bewegen sich die direkten Kosten für die Erstzertifizierung oft in einem Rahmen, bei dem die Kosten der verschiedenen Kontrollstellen deutlich variieren, typischerweise zwischen 360 € und über 600 €. Hinzu kommen die jährlichen Inspektionskosten, die oft bei einer Grundgebühr ab 180 € plus Zeitaufwand beginnen.

Diese Zahlen sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Die eigentliche finanzielle Herausforderung liegt in der potenziellen Umstellungsphase von zwei bis drei Jahren, während der Sie zwar nach Bio-Richtlinien produzieren, Ihre Produkte aber noch nicht mit dem Bio-Siegel bewerben oder zu Premium-Preisen verkaufen dürfen. Dies erfordert eine solide finanzielle Brücke. Glücklicherweise gibt es gezielte Unterstützung. Seit Februar 2024 fördert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Zertifizierung gezielt. Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Richtlinie RIZERT-AHV, die bis 2030 läuft und eine Erstattung von bis zu 80 % der Kosten vorsieht. Nach erfolgreichem Abschluss ist eine Erstattung von bis zu 3.500 Euro möglich, was gerade für Betriebe im Bereich der Außer-Haus-Verpflegung eine erhebliche Entlastung darstellt.

Eine strategische Kostenplanung ist daher unerlässlich. Sie beginnt mit dem Einholen mehrerer Angebote von verschiedenen Kontrollstellen und einer rigorosen Prüfung aller verfügbaren Fördermöglichkeiten auf Bundes- und Länderebene. Die Investition in die Zertifizierung muss von Anfang an als Teil der langfristigen Finanz- und Marketingstrategie betrachtet werden.

Wie organisieren Sie Ihren Wareneingang, um bei der Bio-Kontrolle nicht durchzufallen?

Eine der häufigsten Ursachen für den Entzug oder die Verweigerung einer Bio-Zertifizierung liegt in einem unzureichend organisierten Warenfluss. Die oberste Maxime der EU-Öko-Verordnung ist die lückenlose Trennung von Bio-Produkten und konventionellen Produkten zu jedem Zeitpunkt. Ein unachtsamer Moment im Lager kann die gesamte Zertifizierung zunichtemachen. Es geht hierbei um die Herstellung und Aufrechterhaltung der Systemintegrität Ihres Betriebs.

Der kritischste Punkt ist der Wareneingang. Hier müssen klare, physische und dokumentarische Prozesse etabliert werden. Das bedeutet nicht nur getrennte Lagerflächen, die idealerweise farblich markiert sind, sondern auch eine akribische Dokumentation. Jeder einzelne Sack Mehl, jede Kiste Äpfel muss bei der Ankunft geprüft, protokolliert und eindeutig als „Bio“ oder „Konventionell“ gekennzeichnet werden.

Systematische Trennung von Bio- und konventionellen Waren im Lager

Dieses Bild verdeutlicht das Prinzip: Die physische Trennung ist die erste Verteidigungslinie gegen Kontamination oder Vermischung. Doch die visuelle Ordnung muss durch ein wasserdichtes Dokumentationssystem gestützt werden. Für die Bio-Kontrolle müssen Sie jederzeit in der Lage sein, die Herkunft und den Weg jeder einzelnen Zutat nachzuweisen. Dazu gehört die Chargenrückverfolgbarkeit für jede Lieferung und eine regelmäßige Mengenplausibilitätsprüfung, auch Massenbilanz genannt. Der Kontrolleur wird fragen: „Sie haben 100 kg Bio-Mehl eingekauft und 98 kg in Ihren Produkten verarbeitet. Wo sind die restlichen 2 kg?“ Sie müssen eine plausible Antwort haben.

Die Implementierung eines solchen Systems erfordert eine genaue Identifikation kritischer Kontrollpunkte gemäß Artikel 28 der EU-Öko-Verordnung. Dies beinhaltet die Schulung Ihrer Mitarbeiter und die Etablierung von Vorsorgemaßnahmen, um jedes Risiko einer Kontamination von vornherein auszuschließen.

Demeter, Bioland oder EU-Bio: Welches Siegel lohnt sich für Ihre Marketingstrategie?

Die Wahl des Bio-Siegels ist eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen für Ihr Startup. Es ist ein Fehler zu glauben, dass alle Siegel gleich sind. Jedes Siegel kommuniziert unterschiedliche Werte, spricht eine andere Zielgruppe an und hat eine andere Positionierung im Markt. Die Entscheidung sollte daher nicht primär von den Kosten, sondern von Ihrer Marketing- und Vertriebsstrategie geleitet werden.

Das grüne EU-Bio-Siegel ist der Basis-Standard. Es garantiert die Einhaltung der gesetzlichen Mindestanforderungen und ist in ganz Europa bekannt. Es ist die Eintrittskarte in den Massenmarkt und wird von Discountern und großen Supermarktketten erwartet. Für Startups, die auf Volumen und breite Distribution abzielen, ist es oft der pragmatischste und kostengünstigste Weg.

Die Siegel der deutschen Anbauverbände wie Bioland oder Naturland gehen in ihren Anforderungen deutlich über die EU-Vorschriften hinaus. Sie stehen für eine höhere ökologische Qualität und sind im deutschen Lebensmitteleinzelhandel (LEH), insbesondere bei Ketten wie Edeka oder Rewe, stark etabliert und geschätzt. Sie signalisieren ein tieferes Engagement und können höhere Verkaufspreise rechtfertigen.

An der Spitze der Pyramide steht Demeter. Dieses Siegel basiert auf der biodynamischen Landwirtschaft und hat die strengsten Richtlinien weltweit. Produkte mit Demeter-Siegel finden sich vor allem im spezialisierten Bio-Fachhandel und sprechen eine sehr bewusste, kaufkräftige und loyale Zielgruppe an, die bereit ist, für höchste Qualität und eine ganzheitliche Philosophie einen Premium-Preis zu zahlen.

Vergleich der Bio-Siegel für deutsche Startups
Siegel Marktposition Zielgruppe Kostenintensität
EU-Bio Basis-Standard Massenmarkt, Discounter Niedrig
Bioland/Naturland Etablierte deutsche Marken LEH (Edeka/Rewe) Mittel
Demeter Premium-Siegel Bio-Fachhandel Hoch

Die strategische Relevanz dieser Wahl wird durch die Marktrealität unterstrichen, wie Karin Romeder vom Ökoring Bayern treffend zusammenfasst:

Es gibt ja danach zwei Hürden: Erstens müssen wir das Produkt unseren Händlern und Gastronomen verkaufen – und die müssen es wiederum ihren Kunden schmackhaft machen

– Karin Romeder, Ökoring Bayern

Ihre Siegel-Strategie muss also beantworten: Welchen Kunden will ich erreichen und in welchem Regal soll mein Produkt stehen? Die Antwort auf diese Frage bestimmt, welches Siegel für Sie nicht nur eine Zertifizierung, sondern eine Investition in Ihre Marke ist.

Der Fehler beim Lieferanten-Check: Wer haftet, wenn Ihre „Bio“-Zutat pestizidbelastet ist?

Dies ist das Albtraumszenario für jedes Bio-Unternehmen: Eine Routinekontrolle findet Pestizidrückstände in Ihrem zertifizierten Endprodukt. Die Ursache: eine kontaminierte Zutat von einem Ihrer Lieferanten. Die juristische Antwort auf die Haftungsfrage ist brutal und einfach: Sie haften. Als Inverkehrbringer des Endprodukts tragen Sie die volle Verantwortung gegenüber dem Verbraucher und den Behörden. Diese Haftungsfalle ist eine der größten existenziellen Bedrohungen für Food-Startups.

Sich allein auf das Bio-Zertifikat eines Lieferanten zu verlassen, ist grob fahrlässig. Ihre unternehmerische Sorgfaltspflicht geht weit darüber hinaus. Sie müssen ein proaktives System zur Lieferantenprüfung und -überwachung etablieren. Glücklicherweise stehen Ihnen dafür Werkzeuge zur Verfügung. In Deutschland gibt es insgesamt 19 zugelassene Kontrollstellen, und deren Zertifikate können und müssen überprüft werden. Öffentliche Datenbanken wie TRACES (das Handelskontroll- und Expertensystem der EU) oder bioC.info sind hierfür unerlässlich. Dort können Sie die Gültigkeit des Zertifikats jedes europäischen Bio-Lieferanten in Echtzeit verifizieren.

Doch die Dokumentenprüfung ist nur der erste Schritt. Für kritische Rohstoffe sollten Sie auf aktuellen Analysenzertifikaten für die spezifische Charge bestehen, die Sie einkaufen. Lassen Sie sich die Rückverfolgbarkeit vom Lieferanten nachweisen und holen Sie sich eine vertragliche Zusicherung zur Bio-Konformität. Gleichzeitig sollten Sie Ihre eigene Produkthaftpflichtversicherung genau prüfen: Deckt sie auch Rückrufkosten im Bio-Segment ab? Dies ist eine oft übersehene, aber entscheidende Klausel.

Risiko-Audit-Plan: Ihre Lieferanten auf dem Prüfstand

  1. Zertifikats-Verifizierung: Überprüfen Sie das Bio-Zertifikat jedes Lieferanten und jeder Lieferung in den offiziellen Datenbanken wie TRACES oder bioC.info auf Gültigkeit.
  2. Chargen-Analyse anfordern: Fordern Sie für kritische Rohstoffe aktuelle Analysenzertifikate für die exakte Charge an, die Sie kaufen, um Pestizidbelastungen auszuschließen.
  3. Rückverfolgbarkeit nachweisen lassen: Verlangen Sie vom Lieferanten einen lückenlosen Nachweis der Rückverfolgbarkeit seiner Rohstoffe bis zum landwirtschaftlichen Ursprung.
  4. Versicherungsschutz prüfen: Konsultieren Sie Ihren Versicherer, ob Ihre Produkthaftpflichtversicherung spezifische Klauseln für den Rückruf von Bio-Produkten enthält und passen Sie diese gegebenenfalls an.
  5. Vertragliche Absicherung: Holen Sie sich von jedem Lieferanten eine schriftliche, vertragliche Zusicherung über die uneingeschränkte Bio-Konformität der gelieferten Waren gemäß der EU-Öko-Verordnung.

Die systematische Umsetzung dieser Punkte wandelt eine passive Hoffnung in ein aktives Risikomanagement um und schützt Ihr Unternehmen vor einer der teuersten Fallen im Bio-Geschäft.

Wie überbrücken Sie finanziell die 2 Jahre Umstellungszeit ohne Bio-Preisaufschlag?

Die Umstellungszeit ist die „Wüste“, die viele Bio-Startups durchqueren müssen. Sie investieren bereits in teurere Rohstoffe und aufwendigere Prozesse, können aber die Früchte dieser Investition in Form von höheren Verkaufspreisen noch nicht ernten. Diese finanzielle Lücke von oft zwei Jahren erfordert kreative und solide Finanzierungsstrategien, die über den klassischen Bankkredit hinausgehen.

Eine zunehmend populäre Methode ist das Crowdinvesting. Plattformen, die sich auf nachhaltige Projekte spezialisiert haben, können hier ein idealer Partner sein. Sie bieten nicht nur Kapital, sondern auch den Zugang zu einer Community von Investoren, die an die Mission Ihres Unternehmens glauben und zu treuen Erstkunden und Markenbotschaftern werden. Der Erfolg solcher Kampagnen kann beachtlich sein. Ein Beispiel aus der Praxis ist die Plattform Green Rocket, die auf nachhaltiges Crowdinvesting für Bio-Lebensmittelhersteller spezialisiert ist. Bei einer Kampagne für eine Photovoltaikanlage waren bereits nach drei Tagen alle Beteiligungen für 400.000 Euro vergriffen. Dies zeigt die enorme Bereitschaft einer bestimmten Zielgruppe – oft Akademiker in den Dreißigern –, gezielt in nachhaltige Projekte zu investieren.

Visualisierung der Finanzierungsphasen während der Bio-Umstellung

Neben Crowdfunding gibt es weitere Ansätze, um die Umstellungsphase zu meistern. Dazu gehören:

  • Vorverkaufs-Kampagnen: Bieten Sie Ihre zukünftigen Bio-Produkte zu einem reduzierten Preis an, um frühzeitig Cashflow zu generieren und die Marktnachfrage zu testen.
  • „In Umstellung“-Kennzeichnung: Einige Verbände erlauben eine spezielle Kennzeichnung von Produkten, die sich in der Umstellung befinden. Dies schafft Transparenz gegenüber dem Kunden und kann eine Brücke bauen, auch wenn noch kein Premium-Preis möglich ist.
  • Gezielte Förderprogramme: Recherchieren Sie Programme, die speziell die Umstellung auf ökologischen Landbau oder ökologische Verarbeitung fördern. Diese gehen oft über die reinen Zertifizierungskosten hinaus.

Die Finanzierung der Umstellungszeit ist eine strategische Prüfung. Wer sie besteht, beweist nicht nur finanzielle Resilienz, sondern auch die Fähigkeit, eine Community um seine Marke und seine Werte aufzubauen.

Reicht ein Fairtrade-Siegel aus, um Ihre Sorgfaltspflicht zu belegen?

Die klare Antwort lautet: Nein. Dies ist ein weit verbreiteter und gefährlicher Irrtum. Während Siegel wie Fairtrade oder auch das EU-Bio-Siegel starke und wichtige Indizien dafür sind, dass ein Unternehmen sich um soziale und ökologische Standards bemüht, entbinden sie es nicht von seiner gesetzlichen Verantwortung. Insbesondere im Kontext des deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG) ist diese Unterscheidung von entscheidender Bedeutung.

Das LkSG verpflichtet Unternehmen zu einer aktiven Risikoanalyse ihrer gesamten Lieferkette. Ein Siegel kann ein Teil dieser Analyse sein und darauf hindeuten, dass bestimmte Risiken (z.B. Kinderarbeit, Zwangsarbeit) durch das Zertifizierungssystem gemindert werden. Es ersetzt jedoch niemals die eigene, unternehmensspezifische Risikoanalyse. Die Behörden, insbesondere das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA), erwarten, dass Sie die Wirksamkeit des Siegels selbst bewerten und dokumentieren.

Was bedeutet das praktisch? Sie müssen über das Zertifikat hinausgehen. Sie sind verpflichtet, anlassbezogene Analysen durchzuführen, wenn sich Risiken in einer Region oder bei einem Lieferanten ändern. Zudem müssen Sie ein wirksames Beschwerdeverfahren einrichten, das es Betroffenen in der Lieferkette ermöglicht, auf Missstände hinzuweisen – eine Anforderung, die weit über den Geltungsbereich der meisten Produktsiegel hinausgeht.

Die gute Nachricht ist jedoch: Die für die Bio-Zertifizierung etablierten Prozesse sind eine exzellente Grundlage für die LkSG-Compliance. Die bereits geschaffene Rückverfolgbarkeit der Waren und die etablierten Lieferantenaudits können und sollten als Basis für die LkSG-Dokumentation genutzt werden. Sie müssen diese Prozesse lediglich um die spezifischen menschenrechtlichen und umweltbezogenen Risikobewertungen des LkSG erweitern. Ein Siegel ist also ein Werkzeug, aber niemals die vollständige Lösung.

Gilt das Gesetz auch, wenn Sie nur 10 Pakete im Monat auf eBay verschicken?

Ja, uneingeschränkt. Im digitalen Zeitalter ist die Annahme, dass geringe Verkaufsmengen oder der Vertrieb über Online-Marktplätze von gesetzlichen Pflichten befreien, ein Trugschluss mit potenziell teuren Folgen. Sobald Sie ein Produkt mit der Kennzeichnung „Bio“, „Öko“ oder ähnlichen Begriffen online zum Verkauf anbieten, unterliegen Sie der Zertifizierungspflicht gemäß der EU-Öko-Verordnung. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) hat dies unmissverständlich klargestellt.

Die Zertifizierungspflicht gilt für den gesamten Prozess, einschließlich der Lagerung und des Versands. Das bedeutet, selbst wenn Sie nur eine kleine Menge an Bio-Tee in Ihrem Keller lagern und über eBay versenden, müssen Sie bei einer zugelassenen Öko-Kontrollstelle zertifiziert sein. Die Logik dahinter ist, dass auch hier das Risiko einer Vermischung mit konventioneller Ware oder einer unsachgemäßen Lagerung besteht. Wie der Händlerbund warnt, ist die Missachtung dieser Pflicht kein Kavaliersdelikt:

Verstöße gegen die Zertifizierungspflicht sind gem. § 13 ÖLG ordnungswidrig und können mit empfindlicher Ordnungsstrafe geahndet werden

– Händlerbund, Ratgeber Bioprodukte

Darüber hinaus gehen mit dem Online-Handel weitere, oft übersehene Pflichten einher. Ab dem ersten Paket, das Sie in Verkehr bringen, sind Sie zur Registrierung im Verpackungsregister LUCID bei der Zentralen Stelle Verpackungsregister (ZSVR) verpflichtet. Ebenso müssen Sie Ihre Verpackungen bei einem dualen System lizenzieren. Für kleine Händler gibt es hierfür einfache Online-Lösungen wie Lizenzero. Wer diese Pflichten ignoriert, riskiert nicht nur Bußgelder, sondern auch Abmahnungen durch Wettbewerber.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Bio-Zertifizierung ist kein administrativer Akt, sondern eine tiefgreifende strategische Entscheidung, die Finanzen, Marketing und Risikomanagement umfasst.
  • Die oberste Priorität für Startups muss die Vermeidung von Haftungsfallen sein, insbesondere durch eine rigorose Überprüfung der gesamten Lieferkette und vertragliche Absicherungen.
  • Auch Kleinstunternehmen unterliegen indirekt dem Lieferkettengesetz (LkSG), da große Kunden die Compliance-Anforderungen vertraglich an ihre Lieferanten weitergeben („Trickle-down Compliance“).

Haften deutsche Mittelständler jetzt für Kinderarbeit in Indien?

Auch wenn Ihr Startup mit weniger als 1.000 Mitarbeitern nicht direkt unter das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) fällt, sind Sie höchstwahrscheinlich indirekt davon betroffen. Dieses Phänomen nennt sich „Trickle-down Compliance“. Ihre großen deutschen Kunden – Supermarktketten, Großhändler, weiterverarbeitende Industriebetriebe – unterliegen dem Gesetz und sind verpflichtet, ihre Sorgfaltspflichten auf die gesamte Lieferkette auszudehnen. In der Praxis bedeutet dies, dass sie die Anforderungen des LkSG vertraglich an ihre Lieferanten, also an Sie, weitergeben.

Sie erhalten dann umfangreiche Verhaltenskodizes (Codes of Conduct) und Fragebögen zur Nachhaltigkeit als Teil Ihrer Lieferantenverträge. Die Nicht-Einhaltung dieser Klauseln kann zur Beendigung der Geschäftsbeziehung führen. Damit wird das LkSG, obwohl es gesetzlich nicht direkt für Sie gilt, zur knallharten Marktrealität. Der Geltungsbereich des Gesetzes ist bereits jetzt erheblich: Ab 2024 werden rund 2.890 Unternehmen direkt verpflichtet sein, aber die Zahl der indirekt betroffenen KMUs und Startups ist um ein Vielfaches höher.

Diese Entwicklung stellt eine Herausforderung, aber auch eine Chance dar. Unternehmen, die frühzeitig transparente und nachweislich saubere Lieferketten aufbauen, erlangen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Ihre für die Bio-Zertifizierung etablierten Systeme zur Rückverfolgbarkeit und Lieferantenbewertung sind hierfür eine wertvolle Basis. Sie müssen „nur“ um die sozialen und menschenrechtlichen Aspekte erweitert werden. Die Haftung für Missstände wie Kinderarbeit in einer vorgelagerten Lieferkette in Indien wird so von einer abstrakten Gefahr zu einem konkreten Geschäftsrisiko, das durch proaktives Management und die Wahl der richtigen Partner gesteuert werden muss, wie im Fall der „Trickle-down Compliance“ für kleine Bio-Startups deutlich wird. Tochterunternehmen ausländischer Konzerne in Deutschland bleiben dabei selbst für ihre Sorgfaltspflichten verantwortlich, auch wenn ihre Muttergesellschaft ebenfalls dem Gesetz unterliegt.

Die erfolgreiche Navigation durch den Dschungel der Bio-Verordnung erfordert mehr als nur die Einhaltung von Regeln. Sie verlangt eine strategische Denkweise, ein rigoroses Risikomanagement und die Bereitschaft, Transparenz als Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Der nächste logische Schritt für Ihr Unternehmen ist die Implementierung eines maßgeschneiderten Compliance- und Qualitätsmanagement-Systems, das diese Prinzipien in Ihrem täglichen Betrieb verankert.

Häufige Fragen zu der Bio-Zertifizierung für Startups

Befreit eine Bio-Zertifizierung automatisch von LkSG-Pflichten?

Nein, Bio- oder Fairtrade-Siegel sind starke Indizien für die Erfüllung von Sorgfaltspflichten, entbinden deutsche Unternehmen aber nicht automatisch von ihren LkSG-Pflichten.

Welche zusätzlichen Schritte sind trotz Zertifizierung erforderlich?

Unternehmen müssen eine eigene Risikoanalyse durchführen, anlassbezogene Analysen bei veränderten Risiken vornehmen und ein Beschwerdeverfahren einrichten.

Wie können Bio-Prozesse für LkSG-Compliance genutzt werden?

Die für Bio-Zertifizierung etablierte Rückverfolgbarkeit und Lieferantenaudits können als Grundlage für die LkSG-Dokumentation dienen.

Geschrieben von Dr. Thomas Richter, Senior Sustainability Consultant und Auditor für den deutschen Mittelstand mit über 15 Jahren Erfahrung in der strategischen Unternehmensberatung. Spezialisiert auf CSRD-Berichterstattung, Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) und CO2-Bilanzierung nach GHG Protocol.