
Zirkuläres Bauen ist keine ökologische Option, sondern die nächste Stufe der betriebswirtschaftlichen Intelligenz im Bauwesen: Ein Gebäude wird nicht mehr als Kostenfaktor, sondern als wertstabiles Rohstoffdepot konzipiert.
- Ein digitaler Materialpass dokumentiert jeden Baustoff und sichert so den Restwert der Immobilie für zukünftige Generationen.
- Durch demontierbare Verbindungen und „Product-as-a-Service“-Modelle werden Rückbaukosten drastisch gesenkt und Materialien im Kreislauf gehalten.
Empfehlung: Betrachten Sie bei Ihrem nächsten Projekt die Lebenszykluskosten anstelle der reinen Errichtungskosten. Planen Sie den Rückbau von Anfang an mit ein, um den wahren Wert Ihrer Investition zu maximieren.
Die Baubranche steht vor einem fundamentalen Paradigmenwechsel. Jahrzehntelang haben wir Gebäude als statische Objekte betrachtet, die am Ende ihres Lebenszyklus zu einem teuren Entsorgungsproblem werden. Diese lineare Logik – bauen, nutzen, abreißen – hat dazu geführt, dass der Bausektor zu einem der größten Ressourcenverbraucher und Abfallproduzenten geworden ist. Die gängige Antwort darauf war bisher oft auf einfaches Recycling oder die Verwendung von „grünen“ Materialien beschränkt. Doch was, wenn dieser Ansatz das Problem nur an der Oberfläche kratzt?
Die eigentliche Revolution liegt nicht im besseren Umgang mit Müll, sondern in der vollständigen Eliminierung des Konzepts „Abfall“. Hier setzt das Cradle-to-Cradle-Prinzip (C2C) an. Die Vision ist radikal und gleichzeitig bestechend logisch: Was, wenn wir aufhören, Häuser als zukünftigen Sondermüll zu betrachten, und sie stattdessen als sorgfältig kuratierte Materialbanken konzipieren? Ein Gebäude wird so zu einem Rohstoffdepot auf Zeit, dessen Wert nicht sinkt, sondern durch die Qualität und Wiederverwendbarkeit seiner Komponenten stabil bleibt oder sogar steigt. Dies ist kein ökologischer Idealismus, sondern pure betriebswirtschaftliche Intelligenz.
In diesem Artikel gehen wir über die theoretischen Grundlagen hinaus. Wir zeigen Ihnen als Architekten, Bauherren und Entwicklern, wie dieser Ansatz die Wertkalkulation von Immobilien revolutioniert, wie Sie durch intelligente Konstruktion zukünftige Kosten halbieren und wie Sie schon heute Verträge aushandeln, die den Kreislauf schließen. Es ist an der Zeit, Gebäude nicht für die Ewigkeit, sondern für die nächste Nutzung zu planen.
Für alle, die einen visuellen Einblick in die Praxis des zirkulären Bauens bevorzugen, bietet das folgende Video eine spannende Dokumentation über die Bauwende und ihre Umsetzung in konkreten Projekten in Berlin.
Um die wirtschaftlichen und technischen Aspekte dieses zukunftsweisenden Ansatzes zu beleuchten, haben wir diesen Artikel strukturiert. Er führt Sie von der Wertsteigerung durch Transparenz über intelligente Konstruktionsdetails bis hin zu neuen Geschäftsmodellen und der finalen Vision der Stadt als Rohstoffmine.
Inhaltsverzeichnis: Vom Gebäude zur Materialbank – ein Leitfaden
- Warum wird Ihr Haus mehr wert sein, wenn Sie genau wissen, welche Materialien verbaut sind?
- Schrauben oder Kleben: Warum der Verzicht auf Bauschaum die Sanierungskosten in 30 Jahren halbiert
- Wie verhandeln Sie Verträge, in denen der Hersteller die Fassadenplatten nach 20 Jahren zurücknimmt?
- Warum haben C2C-Bürogebäude geringere Krankenstände durch schadstofffreie Materialien?
- Ist C2C-Bauen wirklich 10% teurer oder rechnen wir den Restwert falsch?
- Warum dauert der selektive Rückbau 4 Wochen länger, spart aber 30% Deponiekosten?
- Kaufen oder Leasen: Welches Modell senkt den CO2-Fußabdruck Ihrer Maschinenflotte effektiver?
- Wie machen Abbruchunternehmen aus einer Ruine ein Rohstofflager?
Warum wird Ihr Haus mehr wert sein, wenn Sie genau wissen, welche Materialien verbaut sind?
Im klassischen Immobilienmarkt wird der Wert eines Gebäudes durch Lage, Größe und Zustand bestimmt. Die verbauten Materialien spielen eine untergeordnete Rolle, solange sie funktional sind. Im C2C-Modell kehrt sich diese Logik um: Das Gebäude selbst wird zu einem transparenten Rohstoffdepot. Der Schlüssel dazu ist der digitale Materialpass oder das Rohstoffkataster. Dieses Dokument ist weit mehr als eine simple Baubeschreibung; es ist die detaillierte „Stückliste“ Ihres Gebäudes, die genau erfasst, welche Materialien in welcher Menge und Qualität wo verbaut wurden.
Diese Transparenz schafft einen messbaren Mehrwert. Für eine Bank wird die Beleihung sicherer, da neben dem ideellen Wert auch ein nachgewiesener, materieller Restwert existiert. Ein zukünftiger Käufer oder Entwickler kann genau kalkulieren, welche Bauteile bei einer Sanierung oder einem Rückbau wiederverwendet oder verkauft werden können. Das Gebäude verliert seinen Status als „Blackbox“ und wird zu einer kalkulierbaren materiellen Anlage. Angesichts der Tatsache, dass laut Experten rund 50% des weltweiten Rohstoffverbrauchs auf das Bauwesen zurückgehen, ist die Kenntnis über diese Rohstoffe ein entscheidender wirtschaftlicher Vorteil.
Ein wegweisendes Beispiel in Deutschland ist der Sitz der RAG-Stiftung auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen. Als eines der ersten Gebäude, das konsequent der Idee der Kreislaufwirtschaft folgt, wurden hier alle verbauten Materialien präzise erfasst. Dies erhöht nicht nur die Nachhaltigkeit, sondern sichert auch den langfristigen Wert der Immobilie, da sie als definierte Materialbank für zukünftige Bauvorhaben fungiert.
Schrauben oder Kleben: Warum der Verzicht auf Bauschaum die Sanierungskosten in 30 Jahren halbiert
Die Fähigkeit, ein Gebäude als Materialbank zu nutzen, hängt direkt von einer einzigen, entscheidenden Planungsprämisse ab: Design für Demontage (DfD). Die wertvollsten Rohstoffe sind nutzlos, wenn sie nicht sortenrein und unbeschädigt zurückgewonnen werden können. Hier liegt der fundamentale Konflikt zwischen traditionellen Bauweisen und dem zirkulären Ansatz. Verbundwerkstoffe, Bauschäume, Kleber und Mörtel schaffen irreversible Verbindungen, die bei einem Rückbau nur noch zu kostenintensivem und minderwertigem Bauschutt führen.
Die Lösung liegt in der Rückkehr zu mechanischen, reversiblen Verbindungen: Schrauben, Stecken, Klemmen. Eine Trockenbauwand, deren Gipskartonplatten auf eine Holz- oder Metallständerkonstruktion geschraubt statt geklebt sind, kann in ihre Einzelteile zerlegt werden. Die Platten können wiederverwendet, die Metallprofile eingeschmolzen und die Dämmung in einem anderen Projekt eingesetzt werden. Dieser Ansatz erfordert ein Umdenken in der Detailplanung und Ausführung, zahlt sich aber über den Lebenszyklus mehrfach aus. Die anfänglich vielleicht etwas höhere Komplexität in der Planung wird durch drastisch reduzierte Kosten bei Sanierung und Rückbau kompensiert.

Die folgende Gegenüberstellung zeigt deutlich, wie sich die Wahl der Verbindungstechnik direkt auf die Kosten am Ende des Nutzungszyklus auswirkt. Die Zahlen belegen, dass eine demontierbare Bauweise eine wirtschaftlich kluge Voraussicht ist.
| Kriterium | Verklebte Wand | Verschraubte Wand |
|---|---|---|
| Rückbaukosten nach 30 Jahren | 150-200 €/m² | 50-75 €/m² |
| Entsorgungskosten | Gemischter Bauschutt: 80 €/t | Sortenreine Fraktionen: 20 €/t |
| Materialwert nach Rückbau | 0 € (nicht verwertbar) | 15-25 €/m² (Wiederverkauf) |
| Zeitaufwand Rückbau | 8-10 Std./100m² | 3-4 Std./100m² |
Wie verhandeln Sie Verträge, in denen der Hersteller die Fassadenplatten nach 20 Jahren zurücknimmt?
Das C2C-Prinzip verändert nicht nur die Bauweise, sondern auch die Geschäftsmodelle. Wenn Materialien als Wertstoffe im Kreislauf bleiben sollen, wer ist dann für sie verantwortlich? Die Antwort liegt im Modell „Product-as-a-Service“ (PaaS). Statt ein Produkt – wie eine Fassade, einen Teppichboden oder eine Beleuchtungsanlage – zu kaufen, wird nur dessen Nutzung erworben. Der Hersteller bleibt Eigentümer des Materials und ist vertraglich verpflichtet, es am Ende der Nutzungsdauer zurückzunehmen, aufzuarbeiten und erneut in den Kreislauf zu bringen.
Für Sie als Architekt oder Bauherr bedeutet das, neue Vertragsmodelle zu verhandeln. In der Ausschreibung wird nicht mehr der günstigste Kaufpreis, sondern die beste Lebenszyklus-Performance inklusive garantierter Rücknahme und definiertem Restwert zum entscheidenden Kriterium. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit mit Herstellern, die bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen. Nora Sophie Griefahn von der Cradle to Cradle NGO in Berlin bringt es auf den Punkt:
Wirtschaft muss sich nicht nur stärker, sondern komplett in Kreisläufen organisieren.
– Nora Sophie Griefahn, Cradle to Cradle NGO Berlin
Das Rathaus in Venlo, Niederlande, ist ein international bekanntes Vorbild für solche Modelle. Dort wurde bei der Ausschreibung der Büromöbel ein garantierter Restwert von 18% des Anschaffungspreises nach 10 Jahren vereinbart. Die Fassadenbegrünung und andere Bauteile wurden ebenfalls mit Rücknahmevereinbarungen konzipiert. Der Hersteller hat somit ein ureigenes Interesse daran, Produkte von hoher Qualität und Langlebigkeit zu liefern, die einfach zu warten und zu demontieren sind. Das Risiko der Entsorgung und des Wertverlusts wird vom Bauherrn zurück zum Produzenten verlagert.
Warum haben C2C-Bürogebäude geringere Krankenstände durch schadstofffreie Materialien?
Ein Gebäude ist mehr als eine Hülle oder eine Kapitalanlage; es ist der Raum, in dem Menschen leben und arbeiten. Die Qualität dieses Raumes hat direkte Auswirkungen auf Gesundheit, Wohlbefinden und Produktivität. Ein zentraler Aspekt des C2C-Prinzips ist die positive Materialdefinition. Das bedeutet, es werden ausschließlich Materialien verwendet, deren Inhaltsstoffe bekannt sind und die nachweislich keine schädlichen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt haben. Es geht nicht nur darum, bekannte Giftstoffe zu vermeiden, sondern aktiv gesundheitsfördernde Materialien auszuwählen.
Flüchtige organische Verbindungen (VOCs), die aus Klebstoffen, Lacken, Teppichen und Möbeln ausgasen, können Kopfschmerzen, Allergien und Konzentrationsstörungen verursachen. In einem C2C-Gebäude werden solche Materialien konsequent vermieden. Stattdessen kommen Baustoffe zum Einsatz, die die Raumluftqualität aktiv verbessern, wie zum Beispiel lehmverputzte Wände, die Feuchtigkeit regulieren, oder schadstofffreie Holzelemente. Für Unternehmen als Mieter oder Eigentümer von Bürogebäuden rechnet sich dies direkt: Eine gesündere Arbeitsumgebung führt nachweislich zu geringeren Krankenständen und einer höheren Mitarbeiterzufriedenheit und -produktivität.
Das C2C Lab in Berlin, ein fünfgeschossiges Wohn- und Bürohaus, demonstriert dies eindrucksvoll. Errichtet aus Massivholz, verzichtet es komplett auf Bauchemie, PVC oder schädliche Leime. Das Ergebnis ist nicht nur ein CO2-neutrales Gebäude, das theoretisch „komplett geschreddert und im Wald verteilt werden könnte, ohne dem Wald zu schaden“, sondern vor allem eine exzellente, messbare Innenraumluftqualität. Der ökonomische Nutzen einer gesunden Belegschaft wird so zu einem starken Argument für die anfängliche Investition in hochwertige, schadstofffreie Materialien.
Ist C2C-Bauen wirklich 10% teurer oder rechnen wir den Restwert falsch?
Die hartnäckigste Hürde für zirkuläres Bauen ist die Kostenfrage. Oft wird behauptet, C2C-Projekte seien pauschal 5-10% teurer als konventionelle Bauten. Diese Aussage ist jedoch irreführend, da sie auf einer veralteten Berechnungsmethode basiert: Sie vergleicht ausschließlich die reinen Errichtungskosten (CAPEX) und ignoriert die gesamten Lebenszykluskosten (OPEX) sowie den fundamental wichtigsten Faktor – den garantierten Restwert der Materialien. Im Jahr 2020 waren rund 55% des gesamten deutschen Abfallaufkommens Bau- und Abbruchabfälle, ein riesiger Posten potenzieller Werte, der in traditionellen Kalkulationen als reiner Kostenfaktor (Entsorgung) verbucht wird.
Eine C2C-Kalkulation hingegen betrachtet das Gebäude als Investition in ein Rohstoffdepot. Die höheren Anfangsinvestitionen für hochwertige, demontierbare Bauteile und deren sorgfältige Dokumentation werden durch mehrere Faktoren über den Lebenszyklus mehr als ausgeglichen:
- Geringere Betriebskosten: Energieeffizienz und wartungsfreundliche Bauteile senken die laufenden Kosten.
- Reduzierte Sanierungs- und Rückbaukosten: Demontierbarkeit spart Zeit und vermeidet teure Entsorgung von Sondermüll.
- Erlöse aus Materialverkauf: Am Ende der Nutzungsdauer werden die sortenreinen Materialien nicht entsorgt, sondern verkauft. Dieser Restwert muss in die anfängliche Wirtschaftlichkeitsberechnung einfließen.
- Staatliche Förderungen: Zirkuläre Bauprojekte werden in Deutschland zunehmend durch spezielle Programme gefördert.

Ihr Aktionsplan: Förderungen für C2C-Bauprinzipien in Deutschland nutzen
- Prüfen Sie die Beantragung der KfW-Förderung „Klimafreundlicher Neubau“ (KFN), die Lebenszyklus-Betrachtungen belohnt.
- Recherchieren Sie Fördermöglichkeiten der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die innovative Projekte zur Kreislaufführung unterstützt.
- Streben Sie eine Zertifizierung nach dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) an, um Zugang zu besseren Förderkonditionen und Krediten zu erhalten.
- Führen Sie eine Lebenszykluskostenanalyse (LCA) nach BNB-Systematik durch, um die langfristige Wirtschaftlichkeit nachzuweisen.
- Beziehen Sie den kalkulierten Restwert und die eingesparten Rückbaukosten explizit in Ihre Finanzierungs- und Wirtschaftlichkeitsberechnung mit ein.
Warum dauert der selektive Rückbau 4 Wochen länger, spart aber 30% Deponiekosten?
Der Begriff „Abriss“ gehört ins Vokabular des 20. Jahrhunderts. Im zirkulären Bauen sprechen wir vom selektiven Rückbau – einer sorgfältigen „Ernte“ der im Gebäude gebundenen Rohstoffe. Dieser Prozess ist zweifellos zeit- und personalintensiver als der Einsatz der Abrissbirne. Statt ein Gebäude in wenigen Tagen zu planieren, wird es über Wochen Schicht für Schicht demontiert. Bauteile werden vorsichtig ausgebaut, nach Materialität sortiert und für die Wiederverwendung oder das sortenreine Recycling vorbereitet.
Der scheinbare Nachteil des höheren Zeitaufwands wird durch massive Kosteneinsparungen bei der Entsorgung mehr als wettgemacht. Gemischter Bauschutt ist die teuerste Fraktion auf der Deponie, da er aufwendig getrennt oder als minderwertiges Füllmaterial deponiert werden muss. Sortenreine Materialien hingegen sind wertvolle Sekundärrohstoffe. Für sauberen Stahlschrott oder Aluminium erhalten Sie sogar Geld. Die Initiative Kreislaufwirtschaft Bau betont, dass in Deutschland bereits seit über 20 Jahren mehr als 90% der mineralischen Bauabfälle umweltgerecht verwertet werden, doch der Fokus liegt hier oft auf Downcycling (z.B. zu Straßenunterbau). Der selektive Rückbau zielt auf ein hochwertigeres Upcycling ab.
Der wirtschaftliche Hebel ist enorm, wie der Vergleich der Entsorgungs- bzw. Erlösmöglichkeiten zeigt. Der Mehraufwand für die Demontage wird direkt durch die Einsparungen bei den Deponiekosten und die Erlöse aus dem Materialverkauf refinanziert.
| Abfallart | Kosten/Erlös pro Tonne | Verwertungsmöglichkeit |
|---|---|---|
| Gemischter Bauschutt | 80-120 € | Deponie/Verfüllung |
| Sortenreiner Beton | 15-25 € | RC-Beton-Herstellung |
| Ziegelbruch sortenrein | 10-20 € | Vegetationssubstrat |
| Altholz A1-A2 | -5 bis 10 € (oft kostenlose Abgabe) | Spanplattenherstellung |
| Stahlschrott | -150 bis -200 € (Erlös) | Stahlproduktion |
Kaufen oder Leasen: Welches Modell senkt den CO2-Fußabdruck Ihrer Maschinenflotte effektiver?
Die zirkuläre Denkweise endet nicht bei den Materialien, die im Gebäude verbaut werden. Sie erstreckt sich auf den gesamten Bauprozess, einschließlich des Maschinenparks. Traditionell kaufen Bauunternehmen Bagger, Kräne und andere Geräte. Diese stehen oft einen erheblichen Teil der Zeit ungenutzt auf dem Hof, während ihre Technologie veraltet und ihre Wartung vernachlässigt wird. Das Ergebnis: eine ineffiziente Ressourcennutzung und ein unnötig hoher CO2-Fußabdruck.
Auch hier bietet das Product-as-a-Service (PaaS) Modell eine intelligentere Lösung. Statt eine Maschine zu besitzen, wird ihre Leistung oder Betriebsstunde geleast. Dieses Modell wird von führenden deutschen Herstellern wie Liebherr oder Wacker Neuson zunehmend angeboten. Der Vorteil für Sie als Bauunternehmer ist immens: Sie haben immer Zugriff auf die neueste, effizienteste und am besten gewartete Technologie, zahlen nur für die tatsächliche Nutzung und lagern das Risiko von Ausfällen und Wartung an den Hersteller aus.
Für den Hersteller entsteht ein Anreiz, Maschinen zu bauen, die extrem langlebig, wartungsarm, reparaturfreundlich und am Ende ihres Lebenszyklus leicht zu demontieren sind. Dieser Ansatz führt zu einer optimierten Auslastung der Flotte, da eine Maschine auf mehreren Baustellen eingesetzt werden kann, anstatt auf einer stillzustehen. Studien zeigen, dass solche Leasing- und Service-Modelle den CO2-Fußabdruck pro Betriebsstunde um bis zu 30% im Vergleich zu älteren, gekauften Maschinen senken können. Die Kreislaufwirtschaft wird so vom Gebäude auf die Baustelle selbst ausgeweitet.
Das Wichtigste in Kürze
- Gebäude als Materialbank: Betrachten Sie Immobilien nicht als Verbrauchsgut, sondern als wertstabiles Rohstoffdepot, dessen Wert durch einen Materialpass gesichert wird.
- Design für Demontage (DfD): Planen Sie mit reversiblen Verbindungen (schrauben statt kleben), um den sortenreinen Rückbau zu ermöglichen und massive Kosten zu sparen.
- Lebenszyklus-Kalkulation: Bewerten Sie die Wirtschaftlichkeit nicht nur anhand der Baukosten, sondern beziehen Sie Betrieb, Rückbaukosten und den Restwert der Materialien mit ein.
Wie machen Abbruchunternehmen aus einer Ruine ein Rohstofflager?
Die ultimative Konsequenz des Cradle-to-Cradle-Gedankens ist das Urban Mining: die Stadt als Rohstoffmine der Zukunft. In einem Land wie Deutschland, das arm an primären Rohstoffen, aber reich an bebauter Substanz ist, liegt hier ein gigantisches Potenzial. Jedes Gebäude, das heute zurückgebaut wird, ist eine Quelle für Stahl, Kupfer, Aluminium, Holz und mineralische Baustoffe für die Gebäude von morgen. Allein im Jahr 2022 entstanden laut Statistischem Bundesamt in Deutschland fast 216,2 Millionen Tonnen Bauabfälle – eine schier unvorstellbare Menge an potenziellen Wertstoffen.
Abbruchunternehmen entwickeln sich so zu Betreibern von urbanen Minen und Rohstofflagern. Ihre Aufgabe ist nicht mehr die Zerstörung, sondern die intelligente Rohstoffgewinnung. Dies wird durch digitale Werkzeuge revolutioniert. Startups wie Concular haben digitale Marktplätze geschaffen, die wiederverwendbare Bauteile aus Rückbauprojekten direkt an neue Bauvorhaben vermitteln. Über eine Plattform werden Bauteile wie Türen, Fenster, Sanitärkeramik oder Trägersysteme erfasst, bewertet und zum Verkauf angeboten.
Fallbeispiel: Das Circular House in Berlin
Im Berliner Pilotprojekt „Circular House“ auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei wurde dieser Ansatz radikal umgesetzt. Ein Großteil der Baumaterialien stammt nicht aus dem Baumarkt, sondern aus anderen Immobilien, die zurückgebaut wurden. Das für diese Plattform verantwortliche Unternehmen Concular wurde für seinen innovativen Ansatz 2021 mit dem KfW Award Gründen ausgezeichnet. Es zeigt, dass die Vision von der Stadt als Rohstofflager bereits heute Realität ist und wirtschaftlich funktioniert.
Die Rolle des Architekten erweitert sich damit dramatisch: Er wird zum Rohstoff-Scout, der in Bestandsbauten und auf Bauteilbörsen nach passenden Materialien für sein neues Projekt sucht. Der Entwurfsprozess beginnt nicht mehr mit einem leeren Blatt, sondern mit einem Inventar verfügbarer Sekundärrohstoffe. So schließt sich der Kreis endgültig.
Jetzt, da Sie die Prinzipien und das wirtschaftliche Potenzial des zirkulären Bauens kennen, besteht der nächste Schritt darin, diese Vision in Ihre konkrete Projektplanung zu integrieren. Beginnen Sie damit, bei jeder Entscheidung den gesamten Lebenszyklus mitzudenken.
Häufige Fragen zum Thema Urban Mining und C2C-Bauen
Was ist ein digitales Rohstoffkataster?
Ein digitales Rohstoffkataster, auch Materialpass genannt, ist ein detailliertes Verzeichnis, das alle in einem Gebäude verbauten Materialien systematisch erfasst. Es dokumentiert deren genaue Menge, Qualität, chemische Zusammensetzung und vor allem ihr Potenzial zur Wiederverwendung oder zum Recycling am Ende des Lebenszyklus.
Wie funktionieren Bauteilbörsen in Deutschland?
Digitale Plattformen wie Bauteilnetz Deutschland oder Concular fungieren als Marktplätze für gebrauchte Bauteile. Sie vermitteln Komponenten aus Abbruch- oder Sanierungsprojekten an neue Bauvorhaben. Dabei übernehmen sie oft die Prüfung von Qualitätsstandards, die Dokumentation und die Organisation der Logistik, um eine reibungslose Wiederverwendung zu gewährleisten.
Welche rechtlichen Grundlagen gibt es in Deutschland für Urban Mining?
Die Kreislaufwirtschaft im Bausektor wird in Deutschland maßgeblich durch die Gewerbeabfallverordnung (GewAbfV) und die Ersatzbaustoffverordnung (EBV) geregelt. Die GewAbfV schreibt eine getrennte Sammlung von Bau- und Abbruchabfällen vor, um eine hochwertige Verwertung zu fördern. Die EBV legt bundeseinheitliche Qualitätsstandards für den Einsatz von mineralischen Ersatzbaustoffen fest.