Veröffentlicht am März 17, 2024

Ein hoher Deich allein schützt Ihre Küstenimmobilie nicht vor dem finanziellen Ruin.

  • Die wahren Gefahren lauern in den Details von Gefahrenkarten, die oft falsch interpretiert werden.
  • Versicherungen schließen das Kernrisiko „Sturmflut“ systematisch aus und schaffen eine gefährliche Schutzlücke.
  • Ein unterschätztes Risiko ist der Rückstau aus der Kanalisation, der auch weit hinter dem Deich zu teuren Schäden führt.

Empfehlung: Beginnen Sie sofort mit der Analyse der „unsichtbaren Risiken“ – von der ZÜRS-Zone bis zur Rückstauebene –, um den wahren Schutzbedarf Ihrer Immobilie zu ermitteln.

Die Bilder der letzten Sturmfluten an Nord- und Ostsee sind noch frisch im Gedächtnis. Sie als Eigentümer einer Küstenimmobilie fragen sich zu Recht, ob die bestehenden Schutzmaßnahmen ausreichen. Die öffentliche Diskussion dreht sich meist um die Erhöhung von Deichen und den Bau neuer Wellenbrecher. Man geht davon aus, dass der Staat für die Sicherheit sorgt und ein solider Deich eine unüberwindbare Barriere darstellt. Doch diese Annahme ist aus ingenieurtechnischer Sicht gefährlich unvollständig.

Die wahre Sicherheit Ihrer Immobilie ist kein passiver Zustand, sondern das Ergebnis eines aktiven Risikomanagements, das weit über die Deichkrone hinausgeht. Die entscheidenden Schwachstellen liegen oft im Verborgenen: in den farbigen Zonen einer Gefahrenkarte, im Kleingedruckten Ihrer Versicherungspolice und in der physikalischen Logik Ihrer eigenen Abwasserrohre. Diese unsichtbaren Risiken können selbst dann zum Totalverlust führen, wenn der Deich hält. Es ist die Summe aus geologischer Gegebenheit, bautechnischer Vorsorge, rechtlichen Rahmenbedingungen und finanzieller Absicherung, die über die Zukunft Ihres Eigentums entscheidet.

Dieser Artikel führt Sie durch die kritischen Aspekte, die Sie als Eigentümer kennen und beherrschen müssen. Wir analysieren, wie Sie Risikokarten korrekt interpretieren, welche Kosten auf Sie zukommen und warum Ihre Versicherung im Ernstfall möglicherweise nicht zahlt. Es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme, die Ihnen die Werkzeuge an die Hand gibt, um fundierte Entscheidungen für den Schutz Ihres wertvollen Eigentums an der deutschen Küste zu treffen.

Um Ihnen eine strukturierte Übersicht über diese komplexen Zusammenhänge zu geben, gliedert sich der Artikel in acht zentrale Bereiche. Jeder Abschnitt beleuchtet eine spezifische Facette des modernen Küstenschutzes aus der Perspektive eines Immobilienbesitzers.

Inhaltsverzeichnis: Ihr Wegweiser zur realen Küstensicherheit

Wie lesen Sie Gefahrenkarten richtig, bevor Sie ein Haus auf Sylt oder Rügen kaufen?

Der Kauf einer Immobilie an der Küste beginnt nicht mit der Besichtigung, sondern mit dem Studium der Hochwasserrisikokarten. Diese Karten sind keine vagen Empfehlungen, sondern die geotechnische Grundlage für jede seriöse Bewertung. Sie zeigen nicht nur, ob ein Gebiet gefährdet ist, sondern auch die statistische Eintretenswahrscheinlichkeit und die potenzielle Überflutungshöhe. Ein häufiger Fehler ist die Annahme, dass eine Lage „hinter dem Deich“ automatisch sicher ist. Die Karten differenzieren jedoch feiner, zum Beispiel zwischen einem häufigen Hochwasser (HQ10, statistisch alle 10 Jahre) und einem Extremereignis (HQextrem). Diese Unterscheidung ist fundamental für die Risikobewertung und die Bauplanung.

Ein weiterer, oft übersehener Aspekt ist die ZÜRS-Zonierung (Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen), die von Versicherern verwendet wird. Eine Immobilie kann in einer Zone mit geringem Hochwasserrisiko laut Landesamt liegen, aber von Versicherern aufgrund lokaler Gegebenheiten (wie der Nähe zu einem kleinen Wasserlauf) in eine hohe ZÜRS-Klasse (z.B. Zone 3 oder 4) eingestuft werden, was die Versicherbarkeit drastisch einschränkt. Die korrekte Interpretation dieser Karten ist daher eine Kernkompetenz für jeden Küstenimmobilienbesitzer. Der Fall eines Ferienhauses in Heisagger Strand während der Sturmflut im Oktober 2023 zeigt dies eindrücklich: Obwohl 150 Meter vom Strand entfernt, erreichte das Wasser das Grundstück und machte deutlich, dass die offizielle Einstufung als Risikozone keine theoretische Warnung war.

Ihr Plan zur Analyse von Hochwasserrisikokarten

  1. Identifizieren Sie die zuständige Behörde für Ihr Bundesland (z.B. Landesamt für Umwelt in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern).
  2. Rufen Sie das offizielle Wasserportal auf (z.B. WasserBLIcK für überregionale Karten oder die spezifischen Portale der Länder).
  3. Suchen Sie Ihr Grundstück präzise anhand der Adresse, Postleitzahl oder Flurstücksnummer.
  4. Überprüfen Sie die Farbcodierung: Blau zeigt in der Regel häufige Überflutungen (z.B. HQ10), während Violett oder Rot auf seltene Extremereignisse (HQ100 oder HQextrem) hinweist.
  5. Prüfen Sie parallel die ZÜRS-Zonierung über eine Anfrage bei Ihrem Versicherer, um die Versicherbarkeit des Objekts zu klären (Zone 1 = geringes Risiko, Zone 4 = sehr hohes Risiko/nicht versicherbar).

Wer zahlt für den höheren Deich: Was kommt an Kosten auf Deichverband-Mitglieder zu?

Deiche sind das Rückgrat des deutschen Küstenschutzes und ihre Instandhaltung ist eine Daueraufgabe. Die Kosten dafür werden nicht allein vom Staat getragen, sondern zu einem erheblichen Teil auf die Mitglieder der Deich- und Wasserverbände umgelegt. Als Eigentümer eines Grundstücks im Verbandsgebiet sind Sie in der Regel Pflichtmitglied und damit beitragspflichtig. Die Beitragshöhe richtet sich oft nach der Grundstücksgröße und dem Grad des Schutzes, den Ihr Eigentum durch die Anlagen erfährt. Dieser finanzielle Aspekt wird oft unterschätzt, aber er ist ein fester Bestandteil der laufenden Kosten einer Küstenimmobilie.

Angesichts des Klimawandels und steigender Meeresspiegel stehen die Verbände vor immensen Investitionen. Die Deicherhöhung und -verstärkung ist technisch komplex und extrem kostspielig. Diese Kosten werden unweigerlich zu steigenden Beiträgen für die Mitglieder führen. Es ist daher essenziell, sich nicht nur über die aktuelle Beitragshöhe zu informieren, sondern auch die langfristigen Pläne und die finanzielle Gesundheit des zuständigen Deichverbands zu prüfen. Die Prognosen sind eindeutig, wie Dr. Ralf Weisse vom Helmholtz-Zentrum Hereon klarstellt:

Bei anhaltend starkem Treibhausgasausstoß könnten schwere Nordseesturmfluten bis 2100 etwa bis 1,50 Meter höher auflaufen als heute.

– Dr. Ralf Weisse, Helmholtz-Zentrum Hereon, Broschüre ‚Nordseesturmfluten im Klimawandel‘

Landbesitzer betrachtet Dokumente zur Deichbeitragskalkulation mit Blick auf verstärkten Deich

Ein solcher Anstieg erfordert massive Anpassungen der bestehenden Schutzlinien. Die Instandhaltung der aktuell rund 800 km Küstendeiche in Deutschland ist bereits eine Milliardenaufgabe, die sich in Zukunft noch vervielfachen wird. Als Eigentümer müssen Sie diese zukünftige Kostenentwicklung als festen Faktor in Ihre Finanzplanung einbeziehen. Das „sichere“ Leben hinter dem Deich hat einen Preis, der kontinuierlich steigt.

Warften oder Stelzen: Wie baut man heute flutsicher an der Hallig?

In den exponiertesten Lagen der deutschen Küste, insbesondere auf den Halligen, reicht der Schutz durch einen Deich nicht aus. Hier ist die Bauweise des Gebäudes selbst die primäre Verteidigungslinie. Traditionell wurden Häuser auf künstlich aufgeschütteten Erdhügeln, den sogenannten Warften, errichtet. Diese Methode ist bewährt, aber auch mit hohem Aufwand und erheblichen Kosten für die Erdarbeiten verbunden. Zudem unterliegt die Aufschüttung einer Warft heute strengen Umweltauflagen und langwierigen Genehmigungsverfahren.

Eine zunehmend favorisierte Alternative ist die moderne Stelzenbauweise. Dabei wird das Gebäude auf ein Fundament aus Stahl- oder Betonpfeilern gehoben, sodass das Wasser bei einer Überflutung unter dem Haus hindurchfließen kann. Diese Methode ist flexibler, oft kostengünstiger in der Errichtung und ermöglicht eine leichtere Anpassung an zukünftig steigende Wasserstände. Die Haustechnik wie Heizung und Stromversorgung wird dabei ebenfalls im erhöhten Bereich installiert, um sie vor Wasserschäden zu schützen. Die Entscheidung zwischen diesen beiden Bauweisen ist eine ingenieurtechnische Abwägung zwischen Tradition, Kosten, Flexibilität und den spezifischen Anforderungen des Baugrunds und der geltenden DIN-Normen.

Die folgende Tabelle stellt die wesentlichen Kriterien für einen Vergleich der beiden Bauweisen gegenüber, basierend auf einer Analyse von Küstenschutzmaßnahmen.

Vergleich: Traditionelle Warft vs. Moderne Stelzenbauweise
Kriterium Traditionelle Warft Moderne Stelzenbauweise
Baukosten 200.000-400.000 € Erdarbeiten 50.000-100.000 € Fundamentkosten
Genehmigungsverfahren Komplexe Umweltprüfung (6-12 Monate) Standardbaugenehmigung (3-6 Monate)
Hochwasserschutz Bis 5m über NN Flexibel bis 8m über NN
DIN-Normen DIN 19712 (Hochwasserschutzanlagen) DIN 1986-100 (Entwässerungsanlagen)
Wartungsaufwand Jährliche Deichschau erforderlich 5-jährliche Fundamentprüfung

Warum die Elementarversicherung oft nicht zahlt, wenn das Meer kommt

Viele Immobilienbesitzer wiegen sich in falscher Sicherheit, weil sie eine Elementarschadenversicherung abgeschlossen haben. Sie gehen davon aus, dass Schäden durch Überschwemmungen damit abgedeckt sind. Doch hier verbirgt sich eine der größten und teuersten Fallen für Küstenbewohner: Der Standardschutz gegen Elementarschäden deckt in der Regel Schäden durch Starkregen oder Flussüberschwemmungen ab, nicht aber Schäden durch eine Sturmflut. Dieses Risiko wird von den Versicherern als unkalkulierbar eingestuft und ist in den meisten Policen explizit ausgeschlossen.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) formuliert diese Position unmissverständlich. Er argumentiert, dass eine Sturmflut potenziell ganze Küstenstreifen gleichzeitig treffen und so zu sogenannten Kumulschäden führen kann – einer Ansammlung von Schäden in einem Ausmaß, das die Finanzkraft eines privaten Versicherers übersteigen würde. Diese Haltung wird von Verbraucherzentralen bestätigt, die warnen, dass das Risiko Sturmflut als „nicht privat versicherbar“ gilt. Die historische Erfahrung untermauert diese Einschätzung. Bei der verheerenden Sturmflut 1962 in Hamburg, bei der 315 Menschen starben, waren die meisten Schäden in den betroffenen Stadtteilen wie Wilhelmsburg und Finkenwerder nicht versichert, da die damaligen Policen dieses Risiko bereits ausschlossen. Diese Katastrophe führte zu einer grundlegenden Debatte, die bis heute andauert.

Historisches Lehrstück: Die Versicherungslücke bei der Sturmflut 1962

Die Sturmflut von 1962 offenbarte schonungslos die Grenzen der privaten Versicherungswirtschaft. In den überfluteten Gebieten Hamburgs standen tausende Hausbesitzer vor dem Nichts, da ihre Versicherungen den Schaden durch die von der Nordsee hereindrückenden Wassermassen nicht deckten. Dieses Ereignis zementierte die Doktrin, dass Sturmfluten ein staatlich zu bewältigendes Risiko sind, das nicht durch private Policen aufgefangen werden kann. Für heutige Immobilienbesitzer bedeutet das: Verlassen Sie sich niemals allein auf Ihre Elementarversicherung, sondern prüfen Sie das Kleingedruckte akribisch auf den Ausschluss von Sturmflutschäden.

Welche deutschen Küstenorte könnten bis 2100 unbewohnbar werden?

Die Frage nach der zukünftigen Bewohnbarkeit von Küstengebieten ist keine Panikmache, sondern eine seriöse, ingenieurtechnische und sozioökonomische Fragestellung. Der Klimawandel führt nicht nur zu höheren Sturmfluten, sondern auch zu einem permanenten Anstieg des mittleren Meeresspiegels. Selbst bei Erreichen der Pariser Klimaziele prognostizieren Forschungseinrichtungen wie das Helmholtz-Zentrum Hereon einen Meeresspiegelanstieg von 30 bis 75 Zentimetern an der deutschen Nordseeküste bis zum Jahr 2100. Dieser Anstieg hat weitreichende Konsequenzen, die über die reine Überflutungsgefahr hinausgehen.

Unbewohnbarkeit ist ein schleichender Prozess, der durch eine Kaskade von Risiken ausgelöst wird. Dazu gehören die zunehmende Versalzung des Grundwassers, die die Trinkwasserversorgung gefährdet, und die dauerhafte Vernässung von Böden, die Landwirtschaft unmöglich macht. Ein weiterer kritischer Faktor ist der wiederholte Ausfall kritischer Infrastruktur wie Strom, Wasser und Abwasserentsorgung. Wenn Evakuierungen zur Regel werden und die Elementarschadenversicherbarkeit für eine Region verloren geht (durch flächendeckende Einstufung in ZÜRS-Zone 4), kollabiert der Immobilienmarkt. Orte, die heute noch als attraktive Feriendomizile gelten, könnten so schrittweise ihre Lebensgrundlage verlieren.

Verlassenes Küstendorf mit erhöhten Wasserständen und verfallenden Gebäuden

Besonders gefährdet sind tief liegende Gebiete an der Nordseeküste, einige Inseln und Halligen sowie niedrig gelegene Stadtteile von Küstenstädten wie Hamburg oder Bremen. Die entscheidenden Indikatoren für eine drohende Unbewohnbarkeit sind weniger ein einzelnes dramatisches Ereignis als vielmehr eine Zunahme der Frequenz und Intensität von Problemen, die das tägliche Leben und die wirtschaftliche Grundlage systematisch untergraben. Die Beobachtung dieser Indikatoren ist für langfristig orientierte Immobilieninvestoren von entscheidender Bedeutung.

Steigende Prämien: Wird Ihre Immobilie in 10 Jahren noch gegen Naturgefahren versicherbar sein?

Die Versicherbarkeit von Immobilien in Küstennähe ist eine der drängendsten Zukunftsfragen. Es geht nicht mehr nur darum, ob man sich eine Versicherung leisten kann, sondern ob man überhaupt noch eine bekommt. Versicherer kalkulieren ihre Prämien auf Basis von Risikomodellen, und diese Modelle werden kontinuierlich mit neuen Daten gefüttert. Wie das Helmholtz-Zentrum bestätigt, treten Sturmfluten heute häufiger auf und laufen höher auf als noch vor wenigen Jahrzehnten. Jedes neue Ereignis führt zu einer Neubewertung der Risiken.

Ein prägnantes Beispiel ist die Entwicklung nach der Ostsee-Sturmflut 2023. In der Folge wurden viele Gebiete von den Versicherern neu bewertet und in höhere ZÜRS-Gefährdungsklassen eingestuft. Dies hatte direkte finanzielle Konsequenzen für die Eigentümer. Für viele bedeutete dies Prämienerhöhungen von durchschnittlich 40% oder mehr – falls der Versicherungsschutz überhaupt verlängert wurde. In den höchsten Risikozonen (ZÜRS 4) ziehen sich Versicherer oft komplett zurück und bieten keinen neuen Schutz mehr an. Der Wert einer Immobilie ist jedoch untrennbar mit ihrer Versicherbarkeit verbunden. Ein nicht versicherbares Haus ist für die meisten Käufer und finanzierenden Banken wertlos.

Fallbeispiel: ZÜRS-Neubewertung und die Folgen für Hamburg

Die Risikokarten für Hamburg zeigen, dass bei einem extremen Sturmflutereignis weite Teile südlich der Elbe, inklusive der Elbinsel Wilhelmsburg mit rund 55.000 Einwohnern, überflutet würden. Nach jedem größeren Hochwasserereignis in Deutschland werden die ZÜRS-Karten aktualisiert. Wenn eine Region wiederholt betroffen ist oder neue Klimaprognosen das Risiko erhöhen, kann eine Neubewertung erfolgen. Für Eigentümer in einem Gebiet, das von ZÜRS 2 auf ZÜRS 3 hochgestuft wird, kann das eine Verdopplung der Versicherungsprämie bedeuten. Eine Hochstufung auf ZÜRS 4 kann den kompletten Verlust des Versicherungsschutzes bei Neuverträgen zur Folge haben.

Als Eigentümer müssen Sie daher proaktiv handeln. Investitionen in eigene Schutzmaßnahmen (wie Rückstauklappen oder mobile Dammbalkensysteme) können von einigen Versicherern honoriert werden und die Einstufung positiv beeinflussen. Die Frage ist nicht, ob die Prämien steigen werden – das ist sicher. Die Frage ist, ob Ihre Immobilie in einem Jahrzehnt überhaupt noch als tragbares Risiko für einen Versicherer gilt.

Warum läuft Ihr Keller voll, obwohl Sie gar nicht im Hochwassergebiet wohnen (Rückstau aus dem Kanal)?

Eines der am häufigsten unterschätzten Risiken für Immobilienbesitzer – nicht nur an der Küste – ist die Überflutung durch Rückstau aus dem öffentlichen Kanalnetz. Dieses Phänomen tritt bei Starkregenereignissen auf, wenn die Kanalisation die plötzlich anfallenden Wassermassen nicht mehr bewältigen kann. Das Wasser staut sich im System und drückt zurück in die angeschlossenen Hausleitungen. Betroffen sind alle Ablaufstellen, die unterhalb der sogenannten Rückstauebene liegen. Diese Ebene ist in der kommunalen Entwässerungssatzung definiert und entspricht meist der Höhe der Straßenoberkante. Liegt Ihr Keller darunter, ist er potenziell gefährdet.

Der Trugschluss vieler Eigentümer ist, dass die Gemeinde für einen funktionierenden Kanal haftbar ist. Nach deutscher Rechtsprechung (basierend auf DIN 1986-100) ist jedoch jeder Eigentümer selbst verpflichtet, sein Gebäude gegen Rückstau zu sichern. Eine Haftung der Kommune ist in der Regel ausgeschlossen. Das bedeutet: Läuft Ihr Keller aufgrund von Rückstau voll, tragen Sie den Schaden allein. Und dieser kann erheblich sein. Wie aktuelle Schadenstatistiken der Versicherer zeigen, kostet eine Kellersanierung nach einem Rückstauschaden durchschnittlich über 10.000 Euro, oft sogar deutlich mehr, wenn Heizungsanlage oder wertvolle Gegenstände betroffen sind.

Das Problem verschärft sich durch die zunehmende Flächenversiegelung und die Zunahme von Starkregenereignissen im Zuge des Klimawandels. Die Kanalnetze, die vor Jahrzehnten geplant wurden, sind für diese neuen Belastungen oft nicht ausgelegt. Ein Rückstauschaden kann somit auch Eigentümer treffen, deren Grundstück kilometerweit von der Küste oder dem nächsten Fluss entfernt liegt und in keiner offiziellen Hochwassergefahrenkarte verzeichnet ist. Es ist ein „unsichtbares“ Risiko, das eine aktive technische Vorsorge erfordert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Proaktive Risikoanalyse: Verlassen Sie sich nicht auf den Deich. Analysieren Sie selbstständig Hochwasserrisikokarten und die ZÜRS-Zonierung Ihrer Immobilie.
  • Versicherungslücken verstehen: Eine Standard-Elementarversicherung schützt in der Regel nicht vor Sturmflut. Prüfen Sie Ihre Police auf spezifische Ausschlüsse.
  • Technische Eigenvorsorge: Der Schutz vor Rückstau aus der Kanalisation liegt in Ihrer Verantwortung. Technische Lösungen wie Rückstauklappen oder Hebeanlagen sind unerlässlich.

Wie schützen Sie Ihren Keller vor Überflutung durch Rückstau bei Starkregen?

Da die rechtliche Verantwortung für den Schutz vor Rückstau beim Eigentümer liegt, sind technische Maßnahmen unerlässlich. Die Wahl der richtigen Lösung hängt davon ab, welche Art von Abwasser unterhalb der Rückstauebene anfällt. Man unterscheidet zwischen fäkalienfreiem Abwasser (Grauwasser) aus Duschen, Waschmaschinen oder Bodenabläufen und fäkalienhaltigem Abwasser (Schwarzwasser) aus Toiletten.

Für reines Grauwasser kann eine Rückstauklappe eine ausreichende und kostengünstige Lösung sein. Diese mechanischen Klappen werden in die Abwasserleitung eingebaut und schließen sich automatisch, wenn Wasser aus dem Kanal zurückdrückt. Für Schwarzwasser sind solche einfachen Klappen jedoch nicht zulässig. Hier schreibt die Norm eine Hebeanlage vor. Diese Anlage sammelt das Abwasser in einem Behälter und pumpt es aktiv über die Rückstauebene in den Kanal. Sie bietet den höchsten Schutz, ist aber auch in Anschaffung und Wartung deutlich teurer. Beide Systeme erfordern eine DIBt-Zulassung (Deutsches Institut für Bautechnik) und müssen regelmäßig von einem Fachbetrieb gewartet werden, um ihre Funktion zu gewährleisten.

Die Entscheidung zwischen den Systemen ist eine technische und finanzielle Abwägung, die auf einer genauen Analyse der Entwässerungssituation Ihres Kellers basieren muss. Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die Kostenfaktoren.

Kostenvergleich: Rückstauklappe vs. Hebeanlage
Kriterium Rückstauklappe Hebeanlage
Anschaffungskosten 500-2.500 € 3.000-8.000 €
Installation 500-1.000 € 1.500-3.000 €
Wartung jährlich 150-300 € 300-500 €
Geeignet für Nur Grauwasser Auch Schwarzwasser
DIBt-Zulassung Erforderlich Erforderlich
Lebensdauer 15-20 Jahre 20-25 Jahre

Die Investition in eine fachgerechte Rückstausicherung ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Sie schützt nicht nur Ihren Keller und dessen Inhalt, sondern sichert den Wert Ihrer gesamten Immobilie gegen ein zunehmend häufigeres und teures Risiko. Handeln Sie, bevor der nächste Starkregen kommt.

Häufige Fragen zum Schutz vor Küstengefahren

Was ist die Rückstauebene und wo finde ich diese Information?

Die Rückstauebene ist in der kommunalen Entwässerungssatzung definiert und liegt meist auf Straßenniveau. Sie ist der höchste Punkt, bis zu dem das Wasser im öffentlichen Kanalnetz ansteigen kann. Informationen dazu erhalten Sie bei dem für Ihre Gemeinde zuständigen Tiefbauamt oder Stadtentwässerungsbetrieb.

Wer haftet bei Rückstauschäden?

Nach der maßgeblichen Norm DIN 1986-100 ist der Eigentümer selbst dazu verpflichtet, sein Gebäude und insbesondere alle Ablaufstellen unterhalb der Rückstauebene gegen Rückstau zu sichern. Die Gemeinde oder der Abwasserzweckverband haften in der Regel nicht für solche Schäden, da Rückstau bei Starkregen als betriebsbedingtes, unvermeidbares Ereignis gilt.

Welche technische Lösung ist für mein Haus geeignet?

Das hängt von der Art des Abwassers ab. Für Ablaufstellen, an denen nur fäkalienfreies Wasser (Grauwasser, z.B. aus der Dusche) anfällt, genügt oft eine normgerechte Rückstauklappe (Kosten ca. 500-1.500€ zzgl. Einbau). Sobald eine Toilette unterhalb der Rückstauebene angeschlossen ist, ist zwingend eine Hebeanlage erforderlich, die das Abwasser aktiv über die Rückstauebene pumpt (Kosten ca. 2.000-5.000€ zzgl. Einbau).

Geschrieben von Andreas Kühn, Diplom-Ingenieur für Wasserwirtschaft und vereidigter Sachverständiger für Grundwasserschutz. Seit 18 Jahren tätig in der Planung von Brunnenanlagen, hydrologischen Gutachten und dezentralem Wassermanagement.